Geschichte des Zitadellenparks

Zur Geschichte des Zitadellenparks

Glacis

Das Umfeld der Zitadelle war viele Jahrhunderte lang aus militärischen Gründen als Glacis gestaltet. Mit Glacis wird das Vorfeld einer jeden Festung ohne die Sicht beeinträchtigende Bepflanzung und Bebauung bezeichnet.

Folgende Abbildung – eine Zeichnung von Giuseppe Pietro Bagetti von 1806 – gibt davon einen Eindruck.

Der Bau der Festung erfolgte Mitte / Ende des 16. Jahrhunderts. Die weitere Baugeschichte ist – der Weiterentwicklung der Militärtechnik folgend – durch mehrfache Ausbauten charakterisiert (ausführlich Grohe 2002), häufig verbunden mit Änderungen im Glacis. Beispielsweise wurde 1704 der Ravelin Schweinekopf vor der Westkurtine erbaut.

Baumbestand historisch

Es kann vermutet werden, dass die Umgebung der Festung nicht zu allen Zeiten vegetationsfrei gehalten wurde – insbesondere in Friedenszeiten wurden die Flächen vermutlich aktiv auch mit Bäumen und Sträuchern genutzt – Bäume etwa als Hindernismittel, zur Blendung und zur Gewinnung von Holz (u.a. zur Unterhaltung der Faschinen- und Wasserbauten).

Im 19. Jahrhundert änderte sich die Bedeutung von Baumpflanzungen allerdings grundlegend.

Baumpflanzungen im 19. Jahrhundert (folgend zum Teil wörtlich nach SUKOPP u.a. 2005)

Denn im Laufe des 19. Jahrhunderts verloren die Zitadelle und mit ihr das Glacis aufgrund neuer Waffentechniken (insbesondere Geschütze mit hoher Durchschlagskraft) ihre militärische Bedeutung als kriegstaugliche Festung. 1903 erfolgte daher die so genannte “Entfestung” gemäß Kaiserlicher Kabinettsorder vom 27.01.1903. Die Zitadelle blieb allerdings bis weit ins 20. Jahrhundert unter militärischer Verwaltung (ausführlich bei Grothe 2002).1

In der Festung und im ehemaligen Glacis (auch wohl in der Vorstadt) wurden in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts zahlreiche Bäume gepflanzt. Ihr Zweck: “Gegen Einsicht aus weiter Ferne sind Baumpflanzungen am Fuße der inneren Wallböschung und in den Höfen der Bastionen zweckmäßig“ (KRIEGS MINISTERIUM 1846; nach SUKOP u.a. 2005:152). Die Rosskastanie galt dabei als besonders geeignete Baumarten für Festungspflanzen (GENERAL-INSPEKTION 1905). Bis heute kann man sich von dieser Wirkung der Rosskastanien am Beispiel der Baumgruppe auf der Bastion König (um 1890 wohl gepflanzt) überzeugen. Im belaubten Zustand verdecken die vier Rosskastanien mit ihrem gemeinsam ausgeformten, gut 35 m breiten Kronendach den Anblick des Juliusturms.

Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts ließ man die Bermen bewachsen. Die Schwarzerle ist dort die häufigste Baumart. Sie ist zum Schutz vor Auskolkung und Erosionsschäden ausgezeichnet geeignet: Ob die dortigen Erlen aus Pflanzung oder aber aus natürlicher Ansamung hervorgingen, ist allerdings nicht mehr feststellbar.

Erste zivile Nutzungen um die Jahrhundertwende

Ludewig (o.J.) berichtet von ersten zivilen Nutzungen im Umfeld der Zitadelle:

  • Militärbadeanstalt – wohl bereits 1867 vorhanden – bald nach dem 1. Weltkrieg zivil genutzt
  • Bootshaus in der Nähe der Badeanstalt – 1899 vom Akademischen Ruderclub erbaut, bald danach vom Gymnasium übernommen
  • Tennisplätze (Jahr?)
  • Natureisbahn auf dem Hauptgraben

1920 – 1927: Der Zitadellenpark entsteht

Die Geschichte des Zitadellenparks ist eng mit der Entstehung der Freilichtbühne verbunden. 1920 begann die parkartige Umwandlung des ehemaligen Festungsumfeldes, beginnend mit der Freilichtbühne, die an Stelle der ehemaligen Offiziersreitbahn in die Grünanlage integriert wurde. (GROTHE 2002: 86 f)

Eröffnung der Freilichtbühne war am 26. Juni 1921. Initiator und über viele Jahrzehnte beeindruckend engagiert und hartnäckig sein Lebenswerk vorantreibend war Theaterdirektor Otto de Nolte.

  • So wird z. B. berichtet, dass das Bezirksamt 1923 Direktor de Nolte 15.000 Mark für gärtnerische Arbeiten zur Verfügung stellte und um Kontaktaufnahme mit dem Gartenbauamt bat.
  • Ein weiteres Beispiel: Berichtet wird vom Besuch des damaligen Oberbürgermeisters Gustav Böß 19262. Er soll so begeistert vom Freilichttheater (und de Nolte?) gewesen sein, dass er die Finanzierung des weiteren Ausbaus mit Mitteln der Zentrale und des Bezirksamts veranlasste.

Der Zitadellenpark selbst konnte als öffentlicher Park gestaltet werden, nachdem das Glacisgelände in mühevollen Verhandlungen mit der Militärverwaltung gepachtet werden konnte. „…Durch Vertrag mit dem Reichswehrfiskus Berlin vom 6. Mai 1925 wurde das 65 000qm große Vorgelände zur Zitadelle vom Bezirksamt vom 1. April 1925 ab zur Herrichtung einer öffentlichen Grünanlage gepachtet. Die Erdarbeiten wurden am 14. September 1925 mit durchschnittlich 20 Mann begonnen und am 31. Juli 1926 beendet…“ (aus: Verwaltungsbericht der Stadt Berlin 1924 – 1927; Heft 16, 1930:44)

„…Im Jahr 1927/28 wurden mit Notstandsarbeitern die prächtigen Grünanlagen bereinigt und instandgesetzt…Der prächtige Baumbestand blieb erhalten und wurde noch durch Unterpflanzung ergänzt. Erneuert wurden die Strauchpflanzungen, die Böschungen längs der Ufer wurden bereinigt und bepflanzt. Breite, saubere Promenadenwege durchziehen die langestreckten Anlagen. Überall stehen Ruhebänke…“ (aus: Zeitungsartikel „Ein Spaziergang durch die Spandauer Parkanlagen“ Kapitel „Der Zitadellenpark“; Quelle ungenau angegeben mit Sp. Ztg 7/S. 38; Privatarchiv Ludewig, o.J.3)

„…Bedauerlicherweise wurde bei der Herrichtung die Eigenart des Glacis, das mit seinen leichten Wallerhebungen den anderen Parks gegenüber einen recht eigentümlichen Charakter aufwies, fast vollkommen verwischt…“ (aus Ludewig o.J.: 191)

Luftbild der Zitadelle 1928

Weitere Ereignisse – chronologisch und in Stichworten

  • 1937 – 1939 Bau der Juliusturmbrücke und der Straße am Juliusturm

Verbunden mit Flächeninanspruchnahme und Minderung der Qualität des Parks bis heute (Lärm, Zugänglichkeit)

  • Notjahre 1947 / 48

Holzdiebstahl fand in den harten Wintern 1946 / 1947 auf der Zitadelle (anders als im Stadtwald) wegen britischer Patrouillen – wohl bis Oktober 1948 – nicht statt (Auskunft Zeitzeuge)

  • 1959 Ausweisung des Landschaftsschutzgebietes LSG-15 Zitadelle Spandau

Überblick über wesentliche Inhalte sowie Karte in FEK 2016:11 f. ; die Gebietsausweisung im Norden mit dem Ausschluss der Vereinsflächen war und ist aus Sicht des Naturschutzes nicht verständlich – vergleiche die Abgrenzung mit § 26 BundesNatSchG. Sie ist wohl eher Ausdruck der damaligen realen Machtverhältnisse im Bezirk.

  • 1963 – umfangreiche Holzfällungen

Die seinerzeitigen Auseinandersetzungen erinnern an die der Jahre 2017 bis 2019. Begründung für die Fällung von mehr als 100 Erlen und Weiden damals (wie heute) Sichtbarkeit der Zitadelle erhöhen. Viele kritische Leserzuschriften im Spandauer Volksblatt

  • 1965 – erste Wettkampf im Wildwasserfahren
  • 1998 – 2002 Bau der neuen Schleuse

Literatur – Quellen

FEK Zitadelle Spandau http://altstadtmanagement-spandau.de/wp-content/uploads/2020/04/Teil_A_FEK_Zitadelle_Abschlussbericht.pdf (besucht 18.07.2020)

Grothe, J.: Die Zitadelle Spandau. Berlin 2002

Ludewig, A.: Die Spandauer Zitadelle. Berlin 1965

Ludewig, A.: Privatarchiv, aufbewahrt im Archiv Stadtgeschichtliches Museum Spandau

Sukop, H.; Sukop, S.; Brande, A.: Exkursionsbericht „Zitadelle Spandau“ am 13.06.2004. In: Verh. Bot. Ver. Berlin Brandenburg, Berlin 2005

Verwaltungsbericht der Stadt Berlin 1924 – 1927; Heft 16 Verwaltungsbezirk Spandau; Berlin 1930

Bildnachweise

Zeichnung Bagetti 1806: Archiv Stadtgeschichtliches Museum Spandau

Luftbild der Zitadelle: Ausschnitt aushttps://1928.tagesspiegel.de/

Danksagung

Ich danke Herrn Sebastian Schuth, Archivar, für die große Hilfe bei Recherchen im Archiv des Stadtgeschichtlichen Museums Spandau

1Von der Schleifung ausgenommen waren Zitadelle und Fort Hahneberg. (Grothe 2002:85).

2 Erster Oberbürgermeister von Großberlin

3 Gefunden in der Privatsammlung Ludewig unter 142.2 im Archiv Stadtgeschichtliches Museum Spandau; leider ist seine Quellenangabe auf dem Zeitungsausschnitt ungenau.

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