Pflegeempfehlungen

Gerhard Oesten im Oktober 2019

Parkwald Zitadelle Spandau

Anregungen zum Pflegeplan 2019 – 20??

1. Anlass, Ziel und Adressat

Die Zitadelle und ihr Umfeld ist ein einmalig schöner und wertvoller Ort: Die Festung, historisch von herausragender Bedeutung, wunderschön eingebettet in die Havellandschaft, die Touristenattraktion Schleuse, prächtiger gemischter Altbaumbestand, außerordentliche Artenvielfalt auf vergleichsweise kleiner Fläche, Lebensraum für Habicht, Biber, Eisvogel, Nachtigall und…und…, Natur pur für Erholungssuchende, Ort von wichtigen Kulturereignissen – das alles in fußläufiger Nähe zur Altstadt.

Jahrzehntelang lag das Zitadellenumfeld im „Dornröschenschlaf“ – weitgehend ohne jede Pflege von Vegetation, Wegen oder Infrastruktur. Seit einigen Jahren verfolgt der Bezirk Spandau nun das Ziel, das Umfeld der Zitadelle unter Beachtung von Denkmal- und Naturschutz sowie der kulturellen Nutzung umzugestalten und eine bessere Anbindung zur Altstadt zu bewirken. Wichtige Ergebnisse dieser Planabsichten waren eine Machbarkeitsstudie von 2014 und das so genannte „Freiraum- und Entwicklungskonzept“ (FEK) von 2016. Seit 2018 gibt es eine Beteiligung von Bürgerinnen und Bürger am Planungsprozess in Form eines Parkrats.

Ein zukünftiger Beratungsgegenstand im Parkrat wird die Erstellung eines langfristigen Pflegeplans für die Parkwälder sein. In der Machbarkeitsstudie von 2014 und im FEK 2016 sind dazu ausgezeichnete Unterlagen zum Zustand der Vegetation im Zitadellenumfeld dokumentiert. Die Ausführungen zum Ziel (wie sollen die naturnahen Parkwälder zukünftig eigentlich aussehen?) und zu zielführenden Pflegeeingriffen sind allerdings arg allgemein und nicht praktikabel.

Dazu – Leitbild „Naturnahe Parkwälder“ und „zielführende Pflege“ – sollen folgend Anregungen und Empfehlungen gegeben werden.

Adressat dieser Ausführungen sind die Bezirksverwaltung (Grünflächenamt, amtlicher Naturschutz, Denkmalspflege u.a.) und die Mitglieder des Parkrats.

2. Zustand – in Stichworten und Angaben aus dem FEK ergänzend

Zweischichtiger Baumbestand

  • Mittelschicht deutlich unterrepräsentiert (mit Vorrang von SAh); Bestand besteht weitestgehend aus Oberschicht und Unterschicht
  • Oberschicht: +/- alte , z.T. überalterte, z.T. beschädigte, z.T. arg kleinkronige Bäume – große Artenvielfalt (Ei, Bu, HBu, Bah, Sah, FAh, Li, Er, Bir, Ulme, Kastanie und viele mehr) – alles gut nach Zahl und Lage im FEK Teil A dokumentiert
  • Unterschicht: vorrangig SAH in großer Zahl = “Verarmung“, da nur wenige andere Baumarten – im FEK kaum dokumentiert,

Hoher Strukturreichtum / hohe Biodiversität von Tieren und Pflanzen :

Weiser hierfür sind über 50 Vogelarten, die ständig oder zeitweise im Jahr auf der Zitadelle leben; Vogelarten haben unterschiedlichste Ansprüche an ihren Lebensraum, die alle durch Pflanzen- und Tiergesellschaften auf der Zitadelle erfüllt werden

Hohe Vielfalt der Standorteigenschaften

Grundwassernähe, Standortstörungen z.B.. Nähe Schleuse usw.- im FEK gut dargestellt

Vorgeschichte

Baumbestand auf der Zitadelle seit dem 19. Jahrhundert nachgewiesen. Der Parkwald weist bis heute Elemente auf, die auf planvolle Gestaltung im 19. Jahrhundert (?) und den 1920er Jahren (?) schließen lassen. Nicht nur aus historischen Gründen wäre die Kenntnis der früheren Planungen interessant. Im FEK 2016 wie in der Machbarkeitsstudie 2014 finden sich dazu leider keine Hinweise.

Im Gegensatz zu „Tiergarten“ oder auch „Stadtwald Spandau“ kaum umfangreiche Kahlhiebnutzungen in der Nachkriegszeit (Zitadelle war von Briten besetzt, Patrouillen im Umfeld der Zitadelle verhinderten „Holzdiebstahl“ – Auskunft Zeitzeuge)

Gefährdungen

Sturm – Erfahrungen aus „Xavier (Herbst 2018): Weststürme hochgradig gefährlich für belaubten Altbestand (u.a. Wurf , Kronenbrüche, Schäden im Wurzelbereich)

Dürre – Erfahrungen aus Extremjahren 2018/2019: Schwere Schäden für Ober- wie Unterschicht des Baumbestandes, für Sträucher und Krautschicht ; nachhaltigen Schädigung (Baumsterben; „Vergreisung“ von Kronen; Schäden an den Wurzel; enormes Blühverhalten; frühzeitiger Blattwurf u.a.)

Drohende Klimakatastrophe – Sturm Xavier und Extremjahre 2018 / 2019 Vorboten des Klimawandels?; Wissenschaftler*Innen belegen /diskutieren überzeugend die mittelfristigen Folgen des Klimawandels für Städte in Nordostdeutschland: Temperaturanstieg von +4 Grad und mehr im Jahresdurchschnitt; Dürren; vermehrt starke Sommer- wie Winterstürme; Regenmangel, vermehrt Starkregen, andere Verteilung von Regen im Jahr. Wie heute vorsorgen?

Invasive Arten: v.a. Götterbaum, Wilder Hopfen, Brombeere sind von enormer Konkurrenzkraft, sind auf der gesamten Fläche mehr oder weniger allgegenwärtig; Bekämpfung extrem schwierig und kostenintensiv; Konkurrenzverhältnisse von Bäumen, Sträuchern und Kräutern verändern sich in Extremjahren wie 2018 /2019 sowie bei veränderten Lichtstellungen (z.B. nach Entnahme der Baumoberschicht); Freiflächen werden sofort von den genannten Arten besiedelt und erschweren / verunmöglichen Naturverjüngung

3. Ziel „Park-Wald“ – Stichworte

„Park-Wald“ ist ein vieldeutiger, in der Fachliteratur unbestimmter Begriff. Die Leitbilder dazu sind im FEK beispielsweise nur sehr vage und für Ableitung von Pflegeempfehlungen unzureichend dargestellt.

Im FEK wird – jeweils ohne nähere Definition – unterschieden:

  • Park (beim Freilufttheater),
  • Park-Wald
  • Hainbuchenwald (für Laien missverständlich benannt, besser „eichenreicher Mischwald“) und
  • Biberwald

Ein Leitbild „Biberwald“ sollte gesondert mit Biber-Experten festgelegt werden – wird hier nicht weiter erörtert

Das Leitbild „Park“ unterscheidet sich nicht von typischen anderen Parks in Spandau – muss daher hier nicht gesondert erörtert werden

Außerdem werden hier nicht die Uferbereiche an Havel und Gräben erörtert.

Hier ein Vorschlag für den „Park-Wald Zitadelle“ – Eigenschaften:

  • Enthält Park- wie Waldelemente: der Fläche nach überwiegt lichter, struktur-und artenreicher Wald
  • Parkelemente: in die Waldflächen sind kleinstflächig Elemente eines Parks eingestreut – insbesondere Aussichtspunkte (Wasser, Zitadelle, Schleuse), Bänke, kleine Wiesen, prächtige einzelne Altbäume, einzelne skurrile Bäume
  • Die Waldflächen werden im losen Anhalt an Konzepte der Forstwirtschaft als lichter Dauer(park)wald bewirtschaftet: Unter Dauerwald wird ein naturnahes Waldpflegekonzept verstanden, dass mehrschichtige, mehr oder weniger ungleichaltrige Bestände zum Ziel hat (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Dauerwald). Der Boden soll dauernd bestockt sein (keine Kahlflächen). Pflegehiebe erfolgen in regelmäßigen Zeitabständen behutsam und einzelstammweise. Die Verjüngung erfolgt i.d.R. natürlich durch Samen. Bei dieser Pflegeform kann sich kein gleichaltriger Wald entwickeln, sondern es entstehen auf Dauer strukturreiche Bestände. Angestrebt wird eine stets gleichbleibende Bestandesstruktur, gut zu charakterisieren durch eine klar definierte Durchmesserverteilung (siehe im Schema im Anhang Kurve 1).

Derzeit sind die Bestände durch zwei Schichten charakterisiert: Eine Oberschicht über einer sehr großen Zahl von Bäumen in der Unterschicht (vgl. im Schema im Anhang Kurve 2). Im Vergleich zur Dauerwalstruktur fehlen Bäume mittlerer Stärke. Ohne Pflege entwickelt sich ein „Zwei-Schicht-Wald“ im mittel-bis langfristigen Zeitablauf unter Strukturverlust zu einem „Ein-Schicht-Wald“.

Ziel der Pflege im Parkwald Zitadelle muss also in den kommenden Jahren / Jahrzehnten – so der Vorschlag hier – die Überführung der Zwei-Schicht-Strukturen in dauerhaft +/- gleichbleibende Dauerwaldstrukturen sein.

  • Mischwald: Im Dauerwald sollen alle für die Standorte geeigneten und zukunftsfähigen Laubbaumarten überall auf der Fläche und in allen Durchmesserstufen vertreten sein. Dasist derzeit in der Unterschicht nicht gegeben: Artenverarmung, Dominanz des Spitzahorns

Ziel der Pflege im Parkwald Zitadelle muss also in den kommenden Jahren / Jahrzehnten – so der Vorschlag hier – die Sicherung hoher Anteile von allen Baumarten in der Unterschicht (und Mittelschicht?)sowie in kommenden Verjüngungen.

  • Erhaltung dieser Strukturen ist nur durch ständig wiederkehrende Pflege zu sichern.
  • Prächtige Solitäre (insbesondere Alteichen und Erlen) und / oder „skurrile“ Baumformen integrieren

4. Pflegeempfehlungen

Das Ziel „Dauer(park)wald“ ist – wenn überhaupt (Stichworte Klimawandel, Nutzungsänderungen in der Zukunft) – nur langfristig zu erreichen.

Pflege muss behutsam und regelmäßig wiederkehrend erfolgen wegen des fragilen Zustandes des bestehenden Bestandes (insbesondere Schäden; Gefährdungen; Notwendigkeit, Boden mit Strauch- und Baumschicht bedeckt zu halten; fehlende Mischbaumarten in der Unterschicht)

Pflegeturnus 3 bis 7, im Mittel 5 Jahre

Empfehlungen für vordringliche Pflegemaßnahmen in den kommenden Jahren:

  • Keine Eingriffe in Oberschicht! – möglichst so lange bis Mittelschichtbäume deren Funktion übernehmen können – zu rechnen ist eh mit Abgängen (Alter, Sturm, Dürre, Verkehrssicherungspflicht)
  • „Lichtsteuerung“ stets beachten – keine Freilegungen wegen „Wilder Hopfen“ usw.
  • Vordringlich: Pflegehiebe in der Mittel- und Unterschicht – orientiert am Konzept des „Zukunftsbaumes“
  • Alle Bäume des Bestandes in der Mittelschicht werden in „Z-Bäume“, „Bedränger der Z-Bäume“ und „indifferente Bäume“ eingeteilt.
  • Die Pflege wird auf die Z-Bäume konzentriert.
  • Ein guter Z-Baum hat das Potential zum zukünftigen langlebigen Oberschichtbaum. Seine Eigenschaften sind insbesondere Vitalität, Qualität und Verteilung in der Fläche.
  • Minderheitenschutz“: Wo immer vertretbar Auswahl von anderen Baumarten als SAh
  • Ziel der Pflege ist die Erziehung vitaler Altbäume mit großer Krone.
  • Die Pflege erfolgt durch Entnahme von „Bedrängern der Z-Bäume“
  • In den Bestand „indifferenter Bäume“ wird nicht eingegriffen.
  • Zahl 40 bis 70 Bäume pro ha, das entspricht einem Z-Baum Abstand von ca. 14 bis 20 Metern
  • Die Reihenfolge der Pflege in 2 Arbeitsschritten: Auswahl der Z-Bäume, danach Feststellung und Entnahme von „Bedrängern“
  • Pflanzungen nur im Parkwald beim Freilufttheater

5. Eine Idee zur Umsetzung – Kooperation mit Hochschule

Die Aufgabe der Überführung zum Dauer-Park-Wald Zitadelle ist anspruchsvoll. Einen Beitrag dazu zu leisten, könnte zweifellos sehr reizvoll sein für Projekte von Studierenden der Forstwirtschaft, des Naturschutzes und / oder der Landespflege. Projekte könnten sein BSc- oder MA- Arbeiten oder praktische Übungen / Seminare unter Leitung von Professor*Innen.

Eine derartige Kooperation könnte der Verwaltung Erfahrungsaustausch, Lernprozesse für Mitarbeiter*innen oder Zusammenarbeit beim langfristigen Monitoring bieten.

6. Quellen zu

Parkrat

https://www.stattbau.de/arbeitsfelder/stadtberatung/buergerinnenbeteiligung-zur-umgestaltung-des-zitadellenumfelds/parkrat/?L=0).

FEK 2016

https://www.stattbau.de/arbeitsfelder/stadtberatung/buergerinnenbeteiligung-zur-umgestaltung-des-zitadellenumfelds/material-und-studien/?L=0

BI Zitadelle Spandau

www.bi-zitadelle-spandau.de

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